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Gelesen. Lemke.

Grit Lemke: Kinder von Hoy. Berlin: Suhrkamp, 2021.

Stand schon länger auf meiner Leseliste – nun aber hat Sophie mich mit ihrem Beitrag an die Lektüre erinnert. Für eine ausführliche Besprechung also bitte dort weiterlesen.

Grit Lemke beschreibt in ihrem Buch das Leben in den Wohnkomplexen von Hoyerswerdas Neustadt aus der Sicht der Kinder von der Konzeption und dem Aufbau in der DDR zur Endzeit derselben – die früheren Kinder sind nun Jugendliche und junge Erwachsene. Thematisiert wird schließlich das Ende der Konzeption mit dem Zusammenbruch der DDR. Das Buch stellt damit den Hintergrund zu Lemkes Dokumentarfilm Gundermann Revier dar.

Was mich erstaunt: die rückhaltlos positive Erinnerung an die Kinderzeit: die subjektiv erlebte Freiheit in staatlicher Gelenktheit, das Aufgehen in der Menge, das immer gemeinsame Tun. Ebenso der Freiraum, den eine entstehende deutlich nonkonformistische vielfältige Kunstszene in den letzten Jahren der DDR in Hoyerswerda offenbar genoss.

Was auch Lemke unerklärlich bleibt: die Entstehung der extremen Rechten und die damit verbundenen Angriffe auf Migrant*innen im Jahr 1991, schließlich auch das Versagen des Staates in der Situation. –

Zum eigentlichen Kern des Buches gibt es auf YouTube weitere Berichte: zum Beispiel Disko, Dada, DDR – Jugend in der Planstadt und die dreiteilige Serie Kindheit in der kinderreichsten Stadt der DDRTeil 1, Teil 2, Teil 3.

Der MDR hat eine Dokumentation erarbeitet: Hoyerswerda ’91: Eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung.

Modem World.

Ein Artikel in der New York Review of Books lenkte meine Aufmerksamkeit auf Kevin Driscolls Buch The Modem World – A Prehistoric of Social Media, das für uns Alten, die wir in Mailbox-Netzen groß geworden sind, durchaus interessant zu lesen ist, weil es neben der Darstellung technischer Voraussetzungen und Entwicklungen immer auch auf die Nutzer*innen fokussiert und ihren Wunsch nach Austausch und Kommunikation zeigt.

Da die Gegebenheiten hierzulande doch deutlich anders waren (und alle Erscheinungen mit einigen Jahren Verspätung ankamen), wäre ein Titel auf ähnlichem Niveau für den deutschsprachigen Raum sehr wünschenswert. –

Auf der Website von The Well – hervorgegangen aus einer der größten BBS – wird die Teilnahme an der Diskussion mit dem Autor angeboten.

Gelesen. Draesner.

Ulrike Draesner: Schwitters. München: Penguin, 2020.

Hm. Seltsames Format, so eine Romanbiographie. Und seltsame Schwerpunktsetzung: Schilderung beginnt erst 1936, kurz vor der Flucht Schwitters’ vor den Nazis; alles Vorherige wird nur rückblickend sehr verkürzt dargestellt, die letzten Lebensjahre nehmen dafür unverhältnismäßig viel Platz ein. – Sprachlich nicht uninteressant.

Hm.

Gelesen. Dickens.

Charles Dickens: Bleak House. Übertragen von Richard Zoozmann. Frankfurt am Main: Insel, 2002.

Gleich auf den ersten Seiten wird der bereits lange Jahre dauernde Rechtsstreit »Jarndyce und Jarndyce« eingeführt, mit dessen schemenhafter, nie zu konkreter Darstellung Dickens das britische Rechtswesen und die von diesem Lebenden satirisch kritisiert. Wenn dann die Protagonistin Esther Summerson – scheinbar Waise – aus emotional bedrückenden Verhältnissen in das Haus (das titelgebende Bleak House) ihres Vormunds namens Jarndyce aufgenommen wird, ist noch nicht klar, was er dabei im Schilde führt. Dass Jarndyce jedoch stets nur gut & verständnisvoll sein kann (wenn auch seine Emotionalität, die sich in wechselnden Windrichtungen ausdrückt und zu Beginn zu äußerster Vorsicht in der Kommunikation führt, anfangs betont wird), zeigt sich auch in der Verantwortungsübernahme für zwei weitere Mündel, Richard und Ada. Im Laufe des Buches gewinnen letztere sich lieb, was Esther mütterlich begleitet. Richard aber verliert sich, während er unterschiedliche Ausbildungen und Stellungen für sich ausprobiert, immer stärker in den Sog des Gerichtsprozesses, von dem er sich, wenn er denn erst entschieden sein wird, eine große Erbschaft verspricht. »Jarndyce und Jarndyce« ist damit Anlass für den Verfall Richards und für das Unglück der Richard bis zum Schluss liebenden Ada. Esther hingegen brilliert in ihrer bescheidenen Großartigkeit, lernt Wichtiges über ihre Herkunft und wird Herrin auf Bleak House – wenn auch anders als gedacht.

Nicht ohne Grund verweist Marius in seiner Besprechung auf die interessanten Nebenfiguren – neben den von ihnen genannten beispielsweise noch der aufrechte ehemalige Soldat Mr. George, der dabei scheitert, im Zivilleben Fuß zu fassen, Mrs. Pardiggle, die ihre Kinder ihr Taschengeld aus freien Stücken für gute Zwecke spenden lässt, Mrs. Jellyby, die aus der Ferne Gutes für Afrika tut, darüber aber ihre eigene Haushaltung vernachlässigt, und viele mehr.

Ein Zitat von Maja Göpel …

…, nämlich »Alle Menschen, die ich kenne, wünschen sich Liebe, Frieden, die Überwindung von Armut und eine schöne und sichere Umwelt. Warum also machen wir das dann nicht einfach?« (S. 19 in ihrem Buch Unsere Welt neu denken), war für einige meiner Schüler*innen einer der Ausgangspunkte für einen philosophischen Essay.

Herr Rau hat von der re:publica einige Videotips mitgebracht, und Maja Göpels Vortrag ist ein guter.

Gelesen. Mann.

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil. Frankfurt am Main: S. Fischer 1985.

Gelesen. Kesten.

Hermann Kesten: Josef sucht die Freiheit. Göttingen: Steidl, 1999.

Von der Entstehungszeit her ebenfalls der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen, stilistisch aber deutlich elaborierter und mit mehr Witz als Kästners Fabian, unsere derzeitige Korridorlektüre. – Gefällt.

Gelesen. Berg.

Sibylle Berg: RCE. #RemoteCodeExecution. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022.

Dass der Trend aus dem Jugend-/All-Age-Buch, den Plot immer mindestens auf drei Bände aufzuteilen, nun auch auf die ernsthafte Literatur übergreift, muss nicht positiv sein: GRM Brainfuck habe ich als singuläres literarisches Ereignis begriffen und gelesen, von einer Wucht, die ihresgleichen sucht (und auch nicht zwingend der Ergänzung bedarf). Dass dies Gestaltungsprinzip nun weitere fast 700 Seiten trägt (und noch weitere tragen müssen wird), scheint mir nicht unbedingt überzeugend.

Auch dieses neue Buch ist nun eine Enzyklopädie scheiternder Menschheit – wer Gründe für die Annahme sucht, dass diese Welt nicht bestehen wird, schlage eine beliebige Seite auf und lasse sich ein paar Sätze um die Ohren hauen – und dass der Anschlag auf das System (Obacht: Spoiler!) diesmal glücken wird, ist in Anbetracht der gargantuesken Fülle der Dummheit des Menschen, für die Berg fleißig Belege gesammelt hat, eher dünn motiviert und nicht wirklich glaubwürdig. Da habe ich in Genretiteln wie Suarez’ Daemon und Darknet Besseres gefunden.

Gelinde Spannung immerhin entsteht aus der Frage, was Berg denn bald im dritten Band präsentieren wird. Denn für Selbstorganisiation in technisierten Hippiekommunen als Zukunft der Menschheit, wie sie Suarez vorstellt, scheint mir Berg nicht trommeln zu wollen.

Gelesen. Nagelschmidt.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2020.

Nee, nee, habe ich gedacht, als ich die zweite Episode dieses Romans las, das interessiert mich nicht, weil es nur eine weitere romantisierend glorifizierende Darstellung eines Dealer- und Konsumentenlebens im Partyleben Berlins ist; tatsächlich aber wird es dann rasch besser: anhand unterschiedlicher Einzelschilderungen schildert Nagelschmidt überzeugend Alltagsgeschehnisse eines Tableaus von Figuren, die allesamt zum Berliner Dienstleistungsbereich gehören: ein Taxifahrer, eine Fahrradkurierin, eine Sanitäterin, ein Schüler nichtdeutscher Herkunft, eine Frau in ihrem eigenen Späti, auch eine Buchhändlerin, die sich aber eher als Flaschensammlerin begreift, etc. Jeder Lebensbereich wird dabei ernsthaft, kenntnisreich und stimmig aus der Perspektive der Figuren geschildert, wobei letzteres besonders reizvoll wird, wenn die engeren Verbindungen zwischen einzelnen Figuren deutlich werden.

Eine Roman mit dokumentarischem, durchaus aber auch erzählerischem Wert. Bezüge zu anderen Großstadtromanen wie Berlin Alexanderplatz, Fabian etc. ergeben sich wie von selbst.

Lesenswert.