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Gelesen. Binet.

Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion. Übertragen von Kristian Wachinger. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch, 2018.

Anspielungsreiche und häufig amüsante Räuberpistole um ein in den Wirren des Verkehrsunglücks Roland Barthes’ abhanden gekommenes Manuskript desselben im Milieu der Philosophie und Sprachwissenschaft, insbesondere der strukturalistischen Semiotik. Es treten auf: Michel Foucault, BHL (Bernard-Henri Lévy), Jean-Paul Sartre, Julia Kristeva, Philippe Sollers, Umberto Eco, John Searle, aber auch François Mitterrand und Giscard d’Estaing und andere; Themen sind neben der kriminalistischen Handlung die Auseinandersetzungen, eitlen Konflikte und Intrigen um die Modelle und Systeme der Beteiligten und der vorhergehenden Geistesgeschichte: Hermeneutik, Rhetorik, Epistemologie, Linguistik etc. Insgesamt aber überzeugt es mich weniger als das offensichtlich als Vorbild dienende Foucaultsche Pendel; es entbehrt nicht der Längen.

Gelesen. Muschg.

Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima. München: Beck, 2018.

Der rote Ritter war damals (1993) so gut wie Pflicht nach zwei universitären Parzival-Lektürekursen und gefiel mir auch ganz gut, daher habe ich mir den Muschg aus der Liste der Buchpreis-Nominierten ausgewählt.

Und ja, es ist natürlich kein schlechtes Buch, aber es atmet mir zu sehr den Geist des emeritierten Literaturprofessors. Der alternde, seiner langjährigen Partnerin just entledigte Architekt, der in Fukushima eine Künstlerkolonie gründen soll, um die Überwindung des Atomunfalls zu signalisieren, und die junge Japanerin, beide vereint in ihrer tiefen Kenntnis von Stifters Schriften, über die sie zur gemeinsamen (auch explizit geschilderten) Liebe finden … das ist mir doch ein bisschen dick aufgetragen, wenngleich natürlich sorgfältig ausgeführt.

Mausefalle fürs MAUS-Netz.

Beim Aufräumen gefunden:

Diskette mit Software »Mausefalle«


Die Mausefalle war ein von Christoph Pagalies geschriebenes Programm für den Apple Macintosh (in meinem Fall ein Performa 475 mit System 7.1P und später), mit dem in Zusammenarbeit mit Markus Fritzes Hans geht zur Post sehr effizient (teure Onlinezeit sparend!) Nachrichten im MausNet ausgetauscht werden konnten: Maustausch eben. Angemeldet war ich in Klaus Atzpodiens Kieler Maus, genutzt habe ich – vor allem für Software-Downloads – auch Markus’ Hamburger Maus.

Das Mausnetz zeichnete sich durch einen für Online-Verhältnisse sehr zivilisierten Umgangston aus – Welten von dem entfernt, was heute in den sogenannten sozialen Medien passiert.

Gelesen. Joyce.

James Joyce: Ulysses. Übertragen von Hans Wollschläger. Frankfurt: Suhrkamp, 2004.
James Joyce: Ulysses. New York: Vintage, 1986.

Das war das Leseprojekt für die Sommerferien: im Anschluss an Homers Odyssee Relektüre Joyce’ Version derselben (zum ersten Mal gelesen habe ich sie in Nachtschichten des Zivildienstes).

Paralleles, abwechselndes und Durcheinander-Lesen der kommentierten deutschen Variante und der englischen Gabler Edition – die rein englische Lektüre habe ich mir – anders als Anke – nicht zugetraut, weil ich, wenn ich eine Zeit lang nur die englische Variante gelesen habe, immer wieder das Gefühl hatte, mir entgeht Wesentliches (beim Kontrolllesen in der deutschen Version wiederum bemerkt, dass das streckenweise auch nicht viel besser ist).

Beispielseite aus der kommentierten Suhrkamp-AusgabeDie Anzahl und der Umfang der Anmerkungen in der deutschen Ausgabe (im Bild rechts: allein der Textblock oben rechts auf der linken Seite ist Text, der Rest Anmerkungen) zeigt, dass einem eine ganze Menge entgehen kann, wenn man nicht zufällig selbst mit Joyce durch die Kneipen Dublins gezogen ist und nebenbei dieselbe hoch-/pop-/subkulturelle Bildung wie er erworben hat. Dass die Fülle Wissens, die eifrige Literaturwissenschaftler*innen in den Marginalien zusammengetragen haben, in jedem Fall so sehr wichtig ist, kann sicher bestritten werden; in vielen Fällen aber bekommt man so zumindest eine Ahnung, von was die durch keinerlei Erzählerinstanz vermittelten Figuren überhaupt reden.

Wenn man beide Ausgaben nebeneinanderliegen hat, fällt auch auf, welch enorme Leistung die Übertragung überhaupt war – beispielsweise, wenn das 14. Kapitel in Form historischer Sprachentwicklungsstufen erzählt wird und Wollschläger zu den entsprechenden englischen Passagen deutsche Entsprechungen finden musste.

In der kommentierten Ausgabe gibt’s auch jeweils eine Einführung zu jedem Kapitel, die einerseits die Referenzstellen aus der Odyssee vorstellt, andererseits kurz eine inhaltliche Einordnung des Geschehens im Ulysses vornimmt. Im Anhang der Ausgabe findet sich unter anderem ein Kartenteil, in dem die Wege der Figuren durch Dublin gezeigt werden.

(So, und nun nehme ich mir noch einmal Senns Nichts gegen Joyce vor, das ich damals – ebenso wie den Ulysses – in der Buchhandlung zum Wetzstein kaufte.)

Gelesen. Doctorow.

Cory Doctorow: Walkaway. Übertragen von Jürgen Langowsky. München: Heyne, 2018.

Doctorow zeichnet eine in einer nicht allzu fernen Zukunft liegende Welt, die in dystopischen »Default« und utopischen »Walkaway« unterteilt ist, in denen gegensätzliche Lebensentwürfe gelebt werden, und strickt eine hölzern-funktionale Romanhandlung drumrum. Wesentliche Probleme wie Kleidungs- und Nahrungsherstellung, Begrenztheit des Lebens aufgrund Verletzlichkeit des Körpers etc. werden technisch gelöst – die Welt: ein Hackerspace. Eine der interessantesten Figuren ist in der Folge das in vielen Instanzen auf diversen Rechnern laufende Backup einer bei einem Angriff des Defaults zu Tode gekommenen Informatikerin. – Dem Buch hätte ein*e beherzte*r Lektor*in gut getan, um Redundanzen zu beseitigen und damit den Umfang auf die Hälfte zu verringern.